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Die Post Twitter Era: Was das Aus einer Plattform für die politische Kommunikation bedeutet

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  • vor 4 Tagen
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Twitter (jetzt X) steckt in der Krise: Fallende Userzahlen, der Exit vieler Personen des öffentlichen Lebens, Firmen und politischen Akteur:innen sowie fragwürdige Aussagen des CEO’s Elon Musk sorgen dafür, dass die Plattform immer negativer auffällt. Zuletzt haben SPD, Linke und Grüne gemeinschaftlich das Ende ihrer Kommunikation verkündet.


Aber was genau ist eigentlich das Problem mit X? Was passiert, wenn solche Plattformen wegfallen - und wie entwickeln sich Alternativen, wie zum Beispiel Bluesky aktuell? YPCClerin Chiara Tabakan geht diesen Fragen im aktuellen Forschungs-Update auf den Grund.


Foto: Unsplash | Kaitlyn Baker
Foto: Unsplash | Kaitlyn Baker

Twitter als Dreh- und Angelpunkt in der politischen Kommunikation?


Bosch (2026) zeigt, welche zentrale Rolle Twitter lange Zeit für digitale Öffentlichkeiten spielte. Twitter stellte durch Sichtbarkeit, Archivierung und zeitliche Synchronisation wichtige infrastrukturelle Bedingungen bereit, durch die sich Gruppen wie Black Twitter oder feministische Bewegungen als erkennbare und adressierbare Öffentlichkeiten formieren konnten.


Der Beitrag macht jedoch deutlich, dass solche Öffentlichkeiten keine stabilen, selbstverständlich fortbestehenden Räume sind, sondern fragile sozio-technische Gebilde, die stark von den jeweiligen Plattformbedingungen abhängen. Mit dem Wandel oder Zerfall einer Plattform gehen nicht nur Nutzer:innen verloren, sondern auch gemeinsame Bezugspunkte, kollektive Erinnerungen, gewachsene Netzwerke und etablierte Formen von Autorität und Sichtbarkeit.


➡️ Für die politische Kommunikationspraxis bedeutet das, dass digitale Öffentlichkeiten nicht allein über Reichweite oder Plattformpräsenz verstanden werden dürfen. Die politische Kommunikation muss vielmehr berücksichtigen, dass digitale Kommunikationsräume instabil, privat kontrolliert und jederzeit veränderbar sind. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit, Kommunikation plattformübergreifend zu denken, eigene Archive und Community-Strukturen aufzubauen und digitale Bürgerschaft zunehmend als Fähigkeit zu begreifen, sich kritisch, flexibel und strategisch in wechselnden digitalen Infrastrukturen zu bewegen.



Das Twitter-Ende im Schnelldurchlauf

Bruns (2026) analysiert den Niedergang von Twitter als ehemals zentralen Raum für öffentlichen, prosozialen Diskurs. Bruns zeigt, dass Twitter durch seine offene Struktur lange Zeit eine besondere Rolle für Krisenkommunikation, Journalismus und sozialen Aktivismus einnahm, da die Plattform direkte Interaktionen zwischen politischen, journalistischen und gesellschaftlichen Eliten sowie gewöhnlichen Nutzer:innen ermöglichte.


Bewegungen wie #metoo oder #blacklivesmatter konnten dadurch Sichtbarkeit gewinnen und öffentliche Debatten prägen. Der Niedergang der Plattform wird dabei nicht erst mit der Übernahme durch Elon Musk erklärt, sondern bereits mit früheren Managementfehlern und einer zunehmenden Orientierung an Profitinteressen statt an den Bedürfnissen der Community.


Unter Musk und der Umbenennung in „X“ habe sich dieser Prozess jedoch deutlich beschleunigt, etwa durch den Abbau von Forschungszugängen, die stärkere Sichtbarkeit rechtsgerichteter Inhalte sowie die Zunahme von Bots und Desinformation. Digitale Öffentlichkeiten können nicht als stabile oder verlässliche Räume vorausgesetzt werden.


➡️ Es braucht plattformübergreifende Kommunikationsstrategien, alternative Plattformen müssen kritisch beobachtet und zugleich stärker in eigene, unabhängige Kommunikations- und Community-Strukturen investiert werden. Gleichzeitig wird deutlich, dass der Schutz öffentlicher Debattenräume nicht allein eine technische, sondern auch eine demokratiepolitische Aufgabe ist.


Bluesky, das “bessere” Twitter?

Die Studie von Nogara et al. (2026) zeichnet Bluesky als Plattform in einer frühen, aber dynamischen Entwicklungsphase nach und zeigt, dass sich dort während des Übergangs von der geschlossenen Einladungsphase zur öffentlichen Zugänglichkeit im Februar 2024 zunächst ein vergleichsweise konstruktives Kommunikationsumfeld herausbildete.


Auffällig ist insbesondere der hohe Anteil originärer Beiträge, während geteilte Inhalte eine geringere Rolle spielen als auf etablierten Plattformen wie X. Gleichzeitig blieb das Gesprächsklima insgesamt wenig toxisch, und auch problematische Inhalte wie Desinformation machten nur einen sehr kleinen Teil der untersuchten Beiträge aus.


Die überwiegend links-liberal geprägte Nutzerschaft verweist jedoch darauf, dass Bluesky zu diesem Zeitpunkt noch keine politisch breit ausbalancierte digitale Öffentlichkeit darstellt. Der starke Aktivitätszuwachs nach der Öffnung, insbesondere durch japanischsprachige Nutzer, macht zudem deutlich, wie schnell sich Plattformdynamiken verändern können, während die beobachteten Moderationsmaßnahmen zeigen, dass frühzeitige Eingriffe gegen Spam und schädliches Verhalten wirksam sein können.


➡️ Für die politische Kommunikationspraxis ergibt sich daraus, dass neue Plattformen wie Bluesky nicht vorschnell als Ersatz für etablierte Netzwerke verstanden werden sollten, aber als entstehende Kommunikationsräume strategisch relevant sind. Die politische Kommunikation sollte solche Plattformen früh beobachten, ihre spezifischen Nutzerstrukturen und Kommunikationskulturen berücksichtigen und zugleich reflektieren, inwiefern dort eher bestimmte Milieus als eine breite Öffentlichkeit erreicht werden.



📚 Hier gibt's die Studien zum Nachlesen:

Bosch, T. (2026). A Twitter Obituary: Fragile Digital Publics and Their Afterlife. M/C Journal, 29(2). https://doi.org/10.5204/mcj.3248


Bruns, A. (2026). The Death of Twitter and the Decline of Public Debate Online. M/C Journal, 29(2). https://doi.org/10.5204/mcj.3247


Nogara, G., Sahneh, E. S., DeVerna, M. R., Liu, N., Luceri, L., Menczer, F., Pierri, F., & Giordano, S. (2026). A longitudinal analysis of misinformation, polarization and toxicity on Bluesky after its public launch. Online Social Networks and Media, 51, 100342. https://doi.org/10.1016/j.osnem.2025.100342


 
 
 

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