top of page

4 Punkte zur Péter-Magyar-Kampagne, die ihr noch nicht gehört habt

  • Team Newsletter
  • vor 3 Tagen
  • 4 Min. Lesezeit

YPCCler Johannes Edding hat sich angeschaut, wie der Wahlkampf von Magyar politische Kommunikation verändert hat. Seine vier Learnings für deutsche Kampagnen lest ihr hier. 


Ich werde hier nicht über Magyars Digital-Wahlkampf schreiben. Ja, er ist dauerhaft verkabelt, hat immer ein Kamerateam dabei, adaptiert jedes Meme, und jeder Auftritt ist im Livestream und in Rekordzeit zu Social-Snippets verarbeitet. Aber das ist nicht speziell an dieser Kampagne, wir sehen es in den meisten Kampagnen mit Millennial-Kandidaten (siehe Mamdani, dazu Sophia’s Beitrag).


Der Magyar-Wahlkampf ist auch nicht in seiner Gesamtheit auf Deutschland zu übertragen. Es geht nicht um seine Schicksalswahl-Rhetorik, das “Jetzt oder nie”, geleakte Sextakes, Insider-turned-Outsider-Rhetoriken, und erst Recht keine Korruptions-Narrative gegen 16 Jahre alte Regierungen.

Selbst wenn Korruption auch Akteuren in Deutschland nachzuweisen ist, sollte das ein Thema für Staatsanwaltschaften, nicht Kommunikationsstrategien sein. Warum dann dieser Blogpost? Weil es einige Aspekte gibt, die auch in Deutschland kommunikative Game-Changer sein könnten:


1. Man holt sich ein populäres Mandat vor dem offiziellen Mandat. 


Elf Monate vor der Wahl hält Magyar’s TISZA-Partei ein hybrides Referendum ab. 12+1 grundsatzpolitische und zugegebenermaßen suggestive Fragen werden an alle wahlberechtigten Bürger/innen gestellt. Sie sind die Grundlage für sein Narrativ, für seinen Wahlkampf und schlussendlich seine Regierungsbildung.


Es wird zwar "nur" 1,1 Millionen Rückläufer bei 8,1 Millionen Wahlberechtigten geben, aber die Aussage des Rücklaufs ist eindeutig: 98 % sind für die Dezentralisierung von Bildung und Gesundheit, 96 % sind für eine Amtszeitbegrenzung des Ministerpräsidenten, 98 % sind für eine Mehrwertsteuer-Senkung für gesunde Lebensmittel. Das wurden Säulen seines Regierungsprogramms.


Referenden als Agenda-Setting-Instrument haben in Ungarn Tradition. Denn sie sind aus dem Orbán-Playbook.

Inspiriert durch Referenden zum EU-Beitritt und zur doppelten Staatsbürgerschaft, initiierte er 2006 in der Opposition ein Referendum zur Abschaffung von Arzt- und Studiengebühren. 2016 stellte er die Einhaltung von EU-Flüchtlingsquoten zur Abstimmung, 2022 Fragen zur Sexualaufklärung von Minderjährigen. Bei beiden Referenden war es egal, dass die Wahlbeteiligung verfassungsrechtlich zu gering war. Was zählte, war das Gleiche wie bei Magyar: das kommunikative Ass im Ärmel, abseits von offiziellen Wahlen die Zustimmung der Bevölkerung zu haben.


Magyar konnte in jede ländliche Ortschaft gehen mit öffentlicher Rückendeckung. Und das dank eines relativ günstigen kommunikativen Mittels, welches sich auch deutsche Parteizentralen vormerken sollten – nicht zuletzt wegen des Datenschatzes.


Die Frage ist jedoch, ob das mit einer klaren Parteienpositionierung möglich wäre. Denn Magyars TISZA-Partei ist alles andere als etabliert. Das ist der nächste Punkt:


2. Habt Mut für Greenfield-Ansätze, was Kandidierende angeht.


Magyar hatte den Mut, die FIDESZ nicht von innen zu verändern, sondern sich auszukoppeln. TISZA ist eine One-Man-Show, die es Magyar erlaubt, sich als ernsthaften Reformer darzustellen. Dabei hat er komplette Messaging-Disziplin. Der Preis ist fehlende Pluralität, aber dafür keine Widersprüche, Altlasten oder etablierte Gegennarrative.


Dieser Ansatz erlaubt auch, dass er sich kontrolliert in den Populismus reinlehnen kann. Er zeichnet Feindbilder und spricht Kontroversen aus, solang sie seinem Narrativ dienen.

Und wenn ihm ein Thema nicht liegt, geht er nicht in jede Debatte rein, besetzt manche Themen aktiv gar nicht. Er bleibt bei seinem Narrativ. Und dieses hat einen zentralen Punkt:


3. Reclaim Nationalismus.


In jeder nicht-verspäteten Wahlanalyse zu Magyar wurde bereits geschrieben, dass er auch "nur" ein Mitte-Rechts-Kandidat ist und er einen einzigartigen Anti-Korruptions-Wahlkampf führen konnte. Ja.


Aber: er schafft es patriotisches Messaging neu zu besetzen, nicht mit stumpfem Nationalismus, sondern einem inklusiven, sowie für Menschen und Verhandlungen offenen Rechtsstaat-Patriotismus.

Er etabliert die Nationalflagge als Erkennungszeichen seiner Bewegung und positioniert sie zentral bei seinen überproportional vielen öffentlichen Versammlung.


4. Direkter Kontakt


Magyar setzt auf unerbittlichen persönlichen Kontakt mit den Wählern. Es geht hier nicht um politische Auftritte hinter Absperrband und mit klatschenden Bierbänken voller Partei-Kader.


Es geht um ehrliche Begegnungen zwischen Menschen, von denen einer zufällig Kandidat für das höchste Amt des Staates ist.

Das nimmt man authentisch nicht nur ihm ab, sondern auch den Menschen die er trifft. Übrigens sind solche "echten" Begegnungen auch besser auf sozialen Medien kommunizierbar.


Klar, Ungarn ist ein kleineres Land, das terminliche Programm von Magyar ist da leichter abzuspulen. Aber der Aufwand zählt. Er ist etwa ein Jahr lang durchs Land gereist, fünf bis sechs Ortschaften pro Tag, eine kurze Rede, dann offene Fragen mit einer klaren No-Bullshit-Mentalität. Das mobilisiert Wähler und eine immense Grassroots-Bewegung, die sich für die Sache und den Kandidaten einsetzt.



Also, was bleibt?


Magyar ist kein Plakatmotiv mit revolutionärem TikTok-Game. Er verkörpert ein Jahr menschen-zentrierter Außendienst; vorher gut durchdacht, mit festem Narrativ und immer unter einer Flagge.


Aber er ist eindeutig Produkt seiner Umstände: Das Referendum, die One-Man-Show, die politischen Grundideen. All das stammt aus dem Orbán-Playbook. Wer 16 Jahre einem Autokraten bei der Arbeit zuschaut, lernt offensichtlich von ihm.


Eventuell müssen wir als demokratische Kräfte in Deutschland das auch tun: Sich genau anschauen, was die erfolgreichen deutschen Autokraten gut machen, auch wenn wir die Inhalte ablehnen, aber die Instrumente abgucken und für "das Gute" nutzen. Am besten bevor es zur Regierungsverantwortung kommt.

Denn Magyar hat bewiesen, dass man diese Werkzeuge auch für demokratische Interessen nutzen kann. In Deutschland haben einige Akteure schon angefangen, das auch zu übernehmen, erst recht in den sozialen Medien.


Die einzige bleibende Frage ist, welche Akteure sich das wann weiter greifend aneignen. Wer kann es sich erlauben? Wer lässt Expertise und neue Ideen in verstaubte Parteizentralen? Wer zeigt Mut? Wem redet die Branche nicht mehr rein, dass man das so nicht machen kann?

Kommentare


bottom of page