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Für mehr Positivity: Ist Social Media für Jugendliche wirklich so gefährlich, wie alle behaupten?

  • Team Newsletter
  • 29. Dez. 2025
  • 4 Min. Lesezeit

🛑📲 Immer wieder wird das Thema heiß diskutiert: Social-Media-Verbote für Jugendliche.


Nun hat Australien als erstes Land den Schritt gewagt und Social Media für Jugendliche unter 16 Jahren gesetzlich verboten. Die Gesetzgeber begründen das damit, dass die sozialen Medien Jugendliche zu vielen für sie schädlichen Inhalten aussetzen. Damit beziehen sie sich auf Falschinformationen, aber auch Inhalte, die die mentale Gesundheit von Jugendlichen negativ beeinflussen können.


👉 Aber wie gefährlich ist Social Media eigentlich wirklich für die mentale Gesundheit Jugendlicher? Und was bedeutet das für Kommunikator:innen in der Praxis? YPCClerin Chiara Tabakan hat das für euch in ihrem Forschungs-Update untersucht.



 

Empfehlungssysteme optimieren auf Aufmerksamkeit und Engagement – und können dadurch riskante Inhalte und problematische Nutzungsmuster verstärken, insbesondere bei vulnerablen Jugendlichen.

📱 Nicht die Inhalte, sondern Plattformstrukturen sind das Problem


Costello et al. (2023) machen klar, warum soziale Medien für Jugendliche nicht nur wegen einzelner Inhalte problematisch sein können, sondern vor allem wegen der Logik dahinter: Empfehlungssysteme optimieren auf Aufmerksamkeit und Engagement – und können dadurch riskante Inhalte und problematische Nutzungsmuster verstärken, insbesondere bei vulnerablen Jugendlichen. Die Autor:innen verorten das Thema deshalb weniger bei individueller „Disziplin“, sondern bei Design-Entscheidungen und Plattformanreizen.


Jugendliche reagieren entwicklungsbedingt besonders sensibel auf soziale Bestätigung, Belohnungssignale und Gruppendynamiken. In Kombination mit endlosen Feeds, personalisierten Empfehlungen und Reizverdichtung kann das negative Effekte begünstigen – etwa durch sozialen Vergleich und stärkere emotionale Belastung.


Junge Nutzer:innen sind dabei für Plattformen ein relevanter Markt; der starke Umsatzanreiz macht freiwillige Selbstregulierung entsprechend unwahrscheinlicher.


🤝 Social Media kann Jugendliche auch positiv beeinflussen


Die Studie von Devos et al. (2023) nimmt eine Frage in den Blick, die in Debatten über Social Media oft untergeht: Positive Inhalte sind nicht automatisch „gut“ – ihre Wirkung hängt davon ab, welche positiven Inhalte Jugendliche sehen und wie sie sich an dem jeweiligen Tag selbst wahrnehmen.


Empirisch basiert das auf einer 14-tägigen Tagebuchstudie mit 186 Jugendlichen (56,1 % Jungen; MAlter = 15,62), die täglich angaben, welchen positiven Social-Media-Inhalten sie begegnet sind und wie sie sich an diesem Tag gefühlt haben.


💪 Im Zentrum steht der Mechanismus des „can self“: also der Glaube, selbst ein ähnlich „erfolgreiches“ Leben führen zu können wie die Personen, die man online sieht.


👉 Die Ergebnisse zeigen: Wenn Jugendliche an einem Tag stärker ungewöhnlichen positiven Inhalten ausgesetzt sind – insbesondere Darstellungen von Urlauben oder (romantischen) Beziehungen („best possible selves“) – steigt ihr can self. Sie fühlen sich dann eher bestärkt in der Vorstellung, dass so ein Lebensstil prinzipiell auch für sie erreichbar ist.


Dieser Boost ist allerdings nicht stabil positiv. Er kippt an Tagen, an denen Jugendliche gleichzeitig stärkere Diskrepanzgefühle erleben (also das Gefühl, aktuell nicht so „erfolgreich“ zu sein, wie sie es ihrer eigenen Erwartung nach sein sollten): Dann wird ein hoher can self mit mehr Druck, sich verbessern zu müssen, verbunden.


Kurz: Wer sich grundsätzlich zutraut, „da auch hinzukommen“, bleibt optimistisch, solange der eigene Alltag subjektiv mithält – fühlt sich aber schnell unter Druck, sobald man das Gefühl hat, hinterherzuhinken.


Social Media führt nicht per se zu mentalen Problemen, wenn nicht auch einige andere Faktoren eine Rolle spielen.

💭 Ist Social Media nun “der” Grund für mentale Probleme bei Jugendlichen?


Die Studie von Ferguson (2024) setzt genau dort an, wo die öffentliche Debatte oft laut, aber empirisch uneindeutig ist: Sind Internet- und Social-Media-Nutzung tatsächlich ein verlässlicher Prädiktor für spätere psychische Probleme bei Jugendlichen?


Um diese Frage robuster zu beantworten, arbeitet die Studie mit einem großen längsschnittlichen Datensatz aus Irland (N = 8.500) und verfolgt die Teilnehmenden über mehrere Jahre: erste Erhebung mit 9 Jahren (T1), dann erneut mit 13 (T2)und schließlich mit 17/18 Jahren (T3).


❌ Die Kernaussage ist klar und für viele Narrative unbequem: Weder frühe Internetnutzung (mit 9) noch Social-Media-Nutzung (mit 13) sagt spätere mentale Belastungen (mit 17/18) voraus, wenn man relevante Drittvariablen kontrolliert.


Mit anderen Worten: In dieser Studie spricht die Evidenz gegen die Vorstellung, dass „Zeit auf Social Media“ (generell bzw. als Nutzungsdauer) ein zentraler Treiber späterer psychischer Probleme sei.


Der Autor ordnet die gesellschaftliche Aufregung daher auch als mögliches Muster wiederkehrender „moral panics“ über neue Medien ein – ähnlich wie frühere Debatten über Comics, Rockmusik oder Videospiele.


👉 Gleichzeitig wird nicht behauptet, dass es gar keine Risiken gibt. Der Beitrag betont vielmehr, dass die Ursachen vielfältig sind. Anders gesagt: Social Media führt nicht per se zu mentalen Problemen, wenn nicht auch einige andere Faktoren eine Rolle spielen.


Besonders gut zeigt sich das bei Jugendlichen mit Essstörungen. Jene, die hier stark durch die sozialen Medien beeinflusst werden, litten häufig schon vorher an dieser Krankheit, Social Media verstärkt diese dann häufig.


Die Studie zeigte, dass besonders eben diese Jugendliche mit vorherigen mentalen Problemen, Familienkonflikten und geringer Beliebtheit bei Gleichaltrigen besonders gefährdet sind. Besonders bei jungen Mädchen ist das Risiko höher, verglichen mit gleichaltrigen Jungen. 


👉 Was bedeutet das für die politische Kommunikation?

Diese drei Studien zeigen exemplarisch, dass Social Media nicht unbedingt die Wurzel allen Übels ist, sondern viel mehr bestehende Probleme verstärken kann.


Auch wenn es auf den ersten Blick nicht so wirken mag, so gibt es auch hier Handlungsspielraum. Gerade Influencer mit einer jüngeren Zielgruppe können durch nahbaren Content und eine “Nicht alles läuft immer glatt”- Haltung zeigen, dass selbst große Persönlichkeiten, bei denen vermeintlich alles perfekt läuft, mit alltäglichen Problemen wie Fehler machen oder Selbstzweifeln zu kämpfen haben.


Das schafft nicht nur Identifikation, sondern zeigt den Jugendlichen auch, dass sie nicht alleine mit ihren Problemen sind. Das zeigt einmal wieder: Es zählt vielleicht nicht unbedingt der perfekteste und am besten inszenierte Beitrag, sondern der, der am authentischsten die Probleme der Zielgruppe adressiert.

 

💡Die Studien zum Nachlesen

  • Costello, N., Sutton, R., Jones, M., Almassian, M., Raffoul, A., Ojumu, O., Salvia, M., Santoso, M., Kavanaugh, J. R., & Austin, S. B. (2023). ALGORITHMS, ADDICTION, AND ADOLESCENT MENTAL HEALTH: An Interdisciplinary Study to Inform State-level Policy Action to Protect Youth from the Dangers of Social Media. American Journal of Law & Medicine, 49(2–3), 135–172. https://doi.org/10.1017/amj.2023.25


  • Devos, S., Karsay, K., Eggermont, S., & Vandenbosch, L. (2023). „Whatever you do, I can do too“: Disentangling the daily relations between exposure to positive social media content, can self, and pressure. Communication Monographs, 90(4), 437–455. https://doi.org/10.1080/03637751.2023.2206472



 Foto: Unsplash | John Tyson

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